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Gretel Karplus

Page history last edited by PBworks 12 years, 5 months ago

 

Eine Freundschaft in finsteren Zeiten

Zum Briefwechsel zwischen Gretel Karplus und Walter Benjamin

Von Peter Langemeyer

 

"...Die Auskünfte, die die editorische Nachbemerkung, der Klappentext und die Zeilenkommentare über Benjamins Briefpartnerin geben, sind knapp und beschränken sich auf die äußeren Lebensumstände. Gretel Karplus - sie wurde 1902 in Berlin geboren, die Familie gehörte dem gehobenen jüdischen Bürgertum an - und Benjamin lernten sich Ende der 20er-Jahre kennen. 1933 erhielt die promovierte Chemikerin eine Anstellung in einer Fabrik für Lederhandschuhe in Berlin, in der sie schnell Karriere machte, wie sich den Briefen entnehmen lässt: die Etappen führten von der Volontärin über die Prokuristin bis zur Teilhaberin und Geschäftsführerin. 1936 musste sie das Geschäft aufgeben - über die Gründe teilen weder die Briefe noch die Kommentare etwas Näheres mit. Im August 1937 emigrierte Gretel Karplus nach London, wo sie Theodor W. Adorno heiratete, den sie seit 1923 kannte. 1938 ließ sie sich zusammen mit ihrem Mann in den Vereinigten Staaten nieder. Nach Deutschland kehrte sie erst 1953 wieder zurück. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1993 lebte sie in Frankfurt am Main. Zu ergänzen ist, weil von den Herausgebern nicht erwähnt, dass sie 1955 zusammen mit Adorno eine zweibändige Auswahl von Benjamins "Schriften" herausgab, die der interessierten Öffentlichkeit erstmals einen Überblick über das Schaffen des Autors boten.

180 Briefe und Postkarten umfasst die Korrespondenz zwischen Gretel Karplus und Benjamin, die sich über einen Zeitraum von rund zehn Jahren erstreckt. Der Briefwechsel ist lückenhaft; nicht alle Briefe Benjamins wurden aufbewahrt. Der größte Teil - nahezu zwei Drittel - stammt von Gretel Karplus. Abgedruckt sind auch einige Briefe Adornos an Benjamin aus der Zeit nach seiner Heirat, die von Briefen seiner Frau begleitet werden. Die Korrespondenz beginnt im Juli 1930 mit einem Kartengruß Benjamins aus Trondheim und endet im Juli 1940, zwei Monate vor seinem Tod, mit einem Brief aus Lourdes, wohin es ihn auf der Flucht vor den aufrückenden deutschen Truppen verschlagen hat. 1933 - im März verlässt Benjamin Deutschland, in das er danach nicht mehr zurückkehrt -, verstärken sich Austausch und Beziehung. Ende November 1936 erinnert sie sich wehmütig an ihr "intensives Beisammensein 1932/33", als er ihr "aus einem von fern Bestaunten [zum] Freund" wurde.

Der Eigenständigkeit dieser Freundschaft entspricht es, dass sich die Briefpartner neue Namen geben. Gretel Karplus nennt sich Felicitas - von Benjamin stets mit einem z geschrieben -, nach einer Figur aus Wilhelm Speyers Schauspiel "Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh", an dem Benjamin mitgearbeitet hatte und über das es wegen der Auszahlung der Tantiemen später zum Streit mit Speyer kam, der wiederholt Gegenstand des Briefwechsels ist. Benjamin signiert mit Detlef, dem Vornamen seines Pseudonyms Detlef Holz, das er für seine nach der 'Machtergreifung' im deutschen Sprachraum erscheinenden Publikationen gewählt hatte. Das Spiel mit den Namen entwickelt seine eigene spannungsvolle Dynamik, die von Gretel Karplus immer wieder reflektiert wird. "Ich jedenfalls liebe eine Spur der Heimlichkeit", gesteht sie im Juli 1933, "und ich finde das Versteck in den beinah für uns reservierten Namen herrlich." Einige Monate später nimmt sie den Faden erneut auf: "Kein Mensch weiß von Detlef und Felicitas, ich selbst ahne nur unsere Beziehung, wie könnte ich denn darüber sprechen. Sie ist in meinem Leben trotz ihrer Unsichtbarkeit vielleicht das Festeste, was ich habe, das einzige, worauf ich mich verlassen möchte, ohne immer ängstlich und wachsam sein zu müssen." Die "Maskierung" gibt ihr die Illusion einer neuen Identität. Beim Lesen seiner Texte, heißt es an anderer Stelle, sei ihr "wieder die Bedeutung" ihrer "selbstgewählten Namen aufgefallen, so, als ob wir dadurch andere Menschen geworden wären [...]. Viel Sehnsucht ist dabei mit eingefangen und oft gerade das Gegenteil von der realen Existenz". Doch die sei für sie immer weniger interessant, schreibt sie einige Zeit darauf. "Mein früherer kindlicher Wunsch, nur noch eine Figur eines Romans zu sein - also beinah Felicitas - ist wieder sehr lebendig." Die Realität zerstört die Fluchtfantasie: Als sie ihn einmal unvorbereitet am Telefon hat, ist sie "maßlos erstaunt, als sich Walter meldete und nicht der Detlef aus unsern Briefen."

Auch Benjamin liebte das Versteckspiel. Es liege wohl in seiner Absicht, dass sie "nur gewissse Seiten" von ihm kenne, bemerkt sie im Juni 1934. Der Freund tat offenbar gut daran. Auf Einladung Bertolt Brechts plant er, den Sommer in dessen dänischem Exil in Skovsbostrand zu verbringen. Gretel Karplus meldet ihre "Vorbehalte" an. Manchmal habe sie das Gefühl, "Du ständest irgendwie unter seinem Enfluß, der für Dich eine große Gefahr bedeute." Benjamin reagiert betroffen; gerade ihr sei es doch "keineswegs undeutlich, daß mein Leben so gut wie mein Denken sich in extremen Positionen bewegt." Er könne nur das Vertrauen seiner Freunde dafür erbitten, "daß diese Bindungen, deren Gefahren auf der Hand liegen, ihre Fruchtbarkeit zu erkennen geben werden." Benjamin brauchte polare Konstellationen, um die eigene Position zu profilieren, sei es in der Freundschaft, sei es im Schreiben. Als Gretel Karplus über das bei ihr und Adorno auf Ablehnung gestoßene Exposé zur "Passagenarbeit" bemerkt, "darin würde man nie die Hand WB's vermuten", stellt der Freund klar: "Der WB hat [...] zwei Hände." Als Kind habe er sich eines Tages in den Kopf gesetzt, er müsse "links schreiben" lernen. In Paris habe er den "Lehrgang so zu schreiben [...] auf einer höhern Stufe - auf Zeit! - wieder aufgenommen. Willst Du es nicht mit mir so ansehen, liebe Felizitas?"

Politik ist kaum ein Thema. Man gewinnt den Eindruck, daß die 'Machtergreifung' von Gretel Karplus weniger einschneidend erlebt wurde, als sie sich uns heute darstellt, weniger bedrohlich auch als von den meisten Hitler-Gegnern. Das Exil war für sie jedenfalls keine Alternative. Dennoch sind die Auswirkungen der Nazi-Herrschaft in den Briefen allenthalben spürbar. Adorno, dem im September 1933 die Lehrbefugnis entzogen worden war, ist "augenblicklich trotz der widrigen Umstände besonders produktiv und in Form". "Ob nicht schließlich doch heute die Privatexistenz erlaubt ist?", fragt sie im Frühjahr 1934 und lässt die Antwort offen. Der Verlobte arbeitet in Oxford an seinem akademischen Weiterkommen und ist nur noch sporadisch in Berlin. Gretel Karplus leidet unter der Trennung und der Einsamkeit, zumal Adorno nicht der einzige aus ihrem Umgangskreis ist, der das Reich verlässt: "immer mehr Leute ziehen fort". Zu den äußeren Beeinträchtigungen kommen innere: Sie klagt über seelische und körperliche Beschwerden: über Depressionen, Migräneanfälle und Magenschmerzen. Benjamin wird ihr zum "großen Bruder" und "zärtlichen Beichtvater", dem sie sich rückhaltlos anvertrauen, den sie durch diese Stilisierung aber auch auf schützende Distanz halten kann. "Die Harmonie des Körpers ist gestört, aber der Grund ist nicht auffindbar" teilt sie dem Freund mit und schließt die Vermutung an: "Ein gewisses Aufbäumen meines Körpers gegen all das was ich ihm zugemutet habe, ein ungeheurer Widerstand gegen den Verlauf meines Lebens." Benjamin empfiehlt ihr als Arzt seinen Freund und Vetter Egon Wissing. Die Folgen dürften für alle Beteiligten kaum absehbar gewesen sein. Aus der Begegnung entwickelt sich eine Affäre, die Gretel Karplus zwar irritiert, auf die sie sich aber auch einlassen kann, ohne dabei die Beziehung zu ihrem "Sorgenkind", wie sie Adorno in ihren Briefen nennt, aufs Spiel zu setzen.

Auch wenn sie viel mit ihrem eigenen Leid beschäftigt ist, vergisst sie nie die Not des anderen. "Bitte laß mich weiter Dein kleiner Berater bleiben", wendet sie sich an den Freund, als sie erfährt, dass er nach Paris gehen will. Sie kümmert sich um die in Berlin zurückgelassene Wohnung, schickt ihm Bücher und bittet ihn um die Zusendung seiner "neuen Sachen", sie setzt sich für die Publikation seiner Texte ein und vermittelt zwischen ihm und Adorno, in dem er "einen viel aufrichtigeren Freund" habe, als er vielleicht annehme. Und sie unterstützt ihn mit regelmäßigen Geldüberweisungen. Es mache sie froh, ihm auf diese Weise helfen zu können, schreibt sie, denn jetzt wisse sie, warum sie Geld verdienen müsse, "ich adoptiere Dich anstelle des Kindes, das ich doch nie bekommen werde." Besonders am Herzen liegt ihr der Fortgang der "Passagenarbeit". Im Mai 1935 teilt sie ihm ihre Sorge mit, er könne nie das schreiben, "worauf Deine wahren Freunde seit Jahren warten, die große philosophische Arbeit, die nur um ihrer selbst willen da ist, keine Zugeständnisse gemacht hat und Dich durch ihre Bedeutung für sehr vieles der letzten Jahre entschädigen soll." Benjamin antwortet postwendend - in einem Brief an Adorno, in dem er erneut die Befürchtung zu zerstreuen versucht, Brecht könne einen unheilvollen Einfluss auf seine Produktion ausüben. Diese Replik, im Briefwechsel mit Adorno abgedruckt, wird im Kommentar leider nicht erwähnt.

Im Exil - und nach der Heirat - ändert sich der Ton der Briefe. Die Adornos teilen die Wohnung und damit auch die Postanschrift. Es kommt zu einem Briefwechsel zu dritt. Gretel Karplus sieht sich herausgefordert, "neben dem Teddie eine Sonderkorrepondenz" mit dem Freund zu führen: "Da sitze ich nun mitten 2 Schriftgelehrten, mit meinem Gestammel und muß stets gewärtig sein, daß sie beide an mir herumerziehen voll Entsetzen über all meine faux pas", beklagt sie sich 1937 aus London. Die prekären Lebensverhältnisse - sie ist stellungslos und ohne eigenes Einkommen - beeinträchtigen ihr Selbstwertgefühl zusätzlich. Umso dankbarer ist sie, wenn der Brief des Freundes eine "Nebenwirkung" hat, wie das "schöne", "überlegte", "die Dosen der Schmeichelei" so fein abwiegende Schreiben an Adorno über dessen "Wagner", durch das ihr Ansehen beim Institut für Sozialforschung beträchtlich gestiegen sei. Jetzt könne sie hoffen, heißt es im Sommer 1938, "da nach Jahren doch noch einmal als selbständiger Mensch betrachtet" zu werden, "nicht nur als 'Dame des Instituts'". Erst als der gesonderte Briefwechsel wieder aufgenommen wird, kehrt die alte Intensität zurück. Für den Herbst 1939 plant Benjamin, die Freunde in New York zu besuchen. Alles ist vorbereitet, doch der Kriegsausbruch vereitelt das Vorhaben. "Wir müssen sehen", schreibt er im Frühjahr 1940, im vorletzten Brief, den die Sammlung von ihm enthält, "unser Bestes in die Briefe zu legen; denn nichts deutet darauf hin, daß der Augenblick unseres Wiedersehens nahe ist."

Zum Schluss eine kritische Bemerkung zur Edition. Über Gretel Karplus teilen die Herausgeber leider nur sehr wenig mit. Nach der Lektüre ihrer anrührenden Briefe wünscht man sich, mehr über diese Frau zu erfahren, die bislang ganz im Schatten ihres Mannes gestanden hat. "

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