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Bachmann - Celan

Page history last edited by Thomas Kutzli 5 years, 9 months ago

Die Lyrik als Raum der Liebe

 

Über Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

 

 

Wer, außer einigen notorischen Musikkennern weiß schon, daß Ricky Lee Jones und Tom Waits lange befreundet waren? Nun aber, dieses wissend, könnte man ein Zwiegespräch zwischen ihnen in ihren jeweiligen Songs entdecken, und das Phantastische daran ist, daß dieses intime Zwiegespräch öffentlich, jedem (einigermaßen neugierig forschenden) Zeitgenossen zugänglich ist.

Viele solcher Liebesgeschichten warten noch ihrer Entdeckung, zumal die Liebe im 20.Jahrhundert ihre Zuflucht ebenso in der Verborgenheit der Publizität wie in der Sicherheit tausendkilometriger Distanzen zu finden pflegt.

Publius Ovidius Naso, verehrter Odendichter, wußtest du das schon, als du vor zwei Jahrtausenden von der Flucht und Verwandlung Daphnes vor dem Liebenden schriebst? Gotthold Ephraim Lessing, auch du bist Prophet! (Doch davon gleich).

 

Ingeborg Bachmann und Paul Celan trafen sich für ein gutes halbes Jahr 1947/48 in Wien und danach in einem verzweifelten Versuch der äußeren Annäherung für eine kurze Zeit 1950 in Paris.

Die Entwicklungslinien der beiden verlaufen in ganz dynamisch verschiedenen Richtungen.
Celan als odysseeischer Emigrant auf seinem Lebensweg von Südost nach Nordwest eben in der Mitte angekommen, als jüdischer Verfolgter der Nazis schon zu sehr verwundet, um jemals wieder Ruhe zu finden, läßt uns ein hyperempfindsames Wortwerk, dessen Klang uns zittern macht, dessen Tragweite noch lange nicht ausgeschöpft ist. Er stürzt sich 1970 vom Pont Mirabeau in die Seine und ertrinkt.

Ingeborg Bachmann, Kärntner Urseele, vom Geliebten zum Geschichtsbewußtsein begabt, bringt ein Innenleben von unauslotbarer Tiefe in ihre „Lyrik nach Auschwitz“ ein. Zum Covergirl der Gruppe 47 geworden verzichtet sie bald ganz auf lyrische Veröffentlichung. Doch ihre wenigen Poeme werden noch lange anrühren.

Sie findet 1973 den nie ganz geklärten Feuertod in Rom.

Doch das Reich der Dichtung hat sich dem Äußeren nicht zu beugen:

 

„Ihr mußtet über den Euphrat, Tigris, Jordan; über - wer

weiß für Wasser all? - Wie oft hab ich

um Euch gezittert, eh das Feuer mir

so nahe kam! Denn seit das Feuer mir

so nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben

Erquickung, Labsal, Rettung.- Doch ihr seid

ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht

verbrannt!“

(Lessing, Nathan)

 

Der Briefwechsel zwischen den beiden ruht katalogisiert aber unzugänglich im Schiller-Archiv in Marbach bei Stuttgart)

 

Aus ihren Werken aber ist ein Gespräch zu hören:

 

„Das Erreichbare, fern genug, das zu Erreichende hieß Wien.“

P.C. aus: Bremer Büchnerpreisrede)

 

„Als der Krieg zu Ende war, ging ich fort und kam voll Ungeduld und Erwartung nach Wien, das unerreichbar in meiner Vorstellung gewesen war.“

(I.B.)

 

„Über Krakau

bist du gekommen, am Anhalter

Bahnhof

Floß deinen Blicken ein Rauch zu,

der war schon von morgen1. Unter

Paulownien

Sahst du die Messer stehn, wieder,

scharf von Entfernung.

(P.C. aus: La Contrescarpe2)

 

„Nur ich habe immer noch Todesangst, weil es wieder anfängt, weil ich wahnsinnig werde, er sagt:

‚Sei ganz ruhig, denk an den Stadtpark, denk an das Blatt, denk an den Garten in Wien, an unseren Baum, die Paulownia blüht.‘

Sofort bin ich ruhig, denn uns beiden ist es gleich ergangen, ich sehe, wie er auf seinen Kopf deutet, ich weiß, was sie mit seinem Kopf gemacht haben."

(I.B., aus:Malina)

 

„Im Quell deiner Augen
leben die Garne der Fischer der Irrsee.
Im Quell deiner Augen
hält das Meer sein Versprechen.

Hier werf ich,
ein Herz, das geweilt unter Menschen,
die Kleider von mir und den Glanz eines Schwures:

Schwärzer im Schwarz, bin ich nackter.
Abtrünnig erst bin ich treu.
Ich bin du, wenn ich ich bin...“

(P.C. aus: Lob der Ferne)

 

„In den vielen Baracken, im hintersten Zimmer finde ich ihn, er wartet dort müde auf mich, in seinem schwärzer als schwarzen siderischen Mantel, in dem ich ihn vor einigen tausend Jahren gesehen habe.“

(I.B. aus:Malina)

 

„Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, das es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

(P.C., Corona)

 

„Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.

Bald mußt du den Schuh schnüren

und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.

 

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befielt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.

 

Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!

 

Es kommen härtere Tage.“

(I.B. Die gestundete Zeit)

 

„Die Dichtung: diese Unendlichsprechung von lauter Sterblichkeit und Umsonst!“

(P.C. aus: Bremer Büchnerpreisrede)

 

„Die ersten Tage, in denen sie ihn suchte und floh und er sie suchte und floh, waren das Ende ihrer Mädchenzeit, der Anfang ihrer großen Liebe, und wenn sie später auch, wie sie es aus dem jeweiligen Blickwinkel eben sah, meinte, eine andere große Liebe sei ihre große Liebe gewesen, dann war doch ...(er), nach mehr als zwei Jahrzehnten....noch einmal die große Liebe, die unfaßlichste, schwierigste zugleich, von Mißverständnissen, Streiten, Aneinandervorbeisprechen, Mißtrauen belastet, aber zumindest hatte er sie gezeichnet, nicht in dem üblichen Sinn, nicht weil er sie zur Frau gemacht hatte....sondern weil er sie zum Bewußtsein vieler Dinge brachte, seiner Herkunft wegen, und er, ein wirklich Exilierter und Verlorener, sie, eine Abenteuerin, die sich weiß Gott was für ihr Leben von der Welt erhoffte, in eine Exilierte verwandelte, weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam mit sich zog in den Untergang, sie den Wundern entfremdete und ihr die Fremde als Bestimmung erkennen ließ.“

(I.B., aus: Drei Wege zum See)

 

„Der Fremde legte ihr die Blume wie einer Toten auf die Brust....“

(I.B., aus:Malina)

 

„Geister der Ebene, Geister des wachsenden Stroms,

zu unserem Ende gerufen, haltet nicht vor der Stadt!

Nehmt auch mit Euch, was vom Wein überhing

auf brüchigen Rändern, und führt an ein Rinnsal,

wen nach Ausweg verlangt, und öffnet die Steppen!

 

Drüben verkümmert das nackte Gelenk eines Baums,

ein Schwungrad springt ein, aus dem Feld schlagen

die Bohrtürme den Frühling, Statuenwäldern weicht

der verworfene Torso des Grüns, und es wacht

die Iris des Öls über den Brunnen im Land.

 

Was liegt daran? Wir spielen die Tänze nicht mehr.

Nach langer Pause: Dissonanzen gelichtet, wenig cantabile.

(Und ihren Atem spür ich nicht mehr auf den Wangen!)

Still stehn die Räder. Durch Staub und Wolkenspreu

schleift den Mantel, der unsere Liebe deckte, das Riesenrad.

 

Nirgends gewährt man, wie hier, vor den ersten Küssen

die letzten. Es gilt, mit dem Nachklang im Mund

weiterzugehn und zu schweigen. Wo der Kranich

im Schilf der flachen Gewässer seinen Bogen vollendet,

tönender als die Welle, schlägt ihm die Stunde im Rohr.

 

Asiens Atem ist jenseits.

 

Rhythmischer Aufgang von Saaten, reifer Kulturen

Ernten vorm Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ich’s

dem Wind noch zu sagen. Hinter der Böschung

trübt weicheres Wasser das Aug, und es will

mich noch anfallen trunkenes Limesgefühl;

unter den Pappeln am Römerstein grab ich

nach dem Schauplatz vielvölkriger Trauer,

nach dem Lächeln Ja und dem Lächeln Nein.

 

Alles Leben ist abgewandert in Baukästen,

neue Not mildert man sanitär, in den Alleen

blüht die Kastanie duftlos, Kerzenrauch

kostet die Luft nicht wieder, über der Brüstung

im Park weht so einsam das Haar, im Wasser

sinken die Bälle, vorbei an der Kinderhand

bis auf den Grund, und es begegnet

das tote Auge dem blauen, das es einst war.

 

Wunder des Unglaubens sind ohne Zahl.

Besteht ein Herz darauf, ein Herz zu sein?

Träum, daß du rein bist, hebe die Hand zum Schwur,

träum dein Geschlecht, das dich besiegt, träum

und wehr dennoch mystischer Abkehr im Protest.

Mit einer anderen Hand gelingen Zahlen

und Analysen, die dich entzaubern.

Was dich trennt, bist du. Verström,

komm wissend wieder, in neuer Abschiedsgestalt.

 

Dem Orkan voraus fliegt die Sonne nach Westen,

zweitausend Jahre sind um, und uns wird nichts bleiben.

Es hebt der Wind Barockgirlanden auf,

es fällt von den Stiegen das Puttengesicht,

es stürzen Basteien in dämmernde Höfe,

von den Kommoden die Masken und Kränze...

 

Nur auf dem Platz im Mittagslicht, mit der Kette

Am Säulenfuß und dem vergänglichsten Augenblick

geneigt und der Schönheit verfallen, sag ich mich los

Von der Zeit, ein Geist unter Geistern, die kommen.“

(I.B. , Große Landschaft bei Wien)

 

„(Die Augärten, damals, das

gelächelte Wort

vom Marchfeld, vom

Steppengras dort.

Das tote Ringelspiel, kling.

Wir

Drehten uns weiter.)“

(P.C. aus: Bahndämme, Wegränder,

Ödplätze, Schutt)

 

„Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

(I.B. aus:Malina)

 

„...Im Quell deiner Augen
treib ich und träume von Raub.

Ein Garn fing ein Garn ein:
wir scheiden umschlungen.

Im Quell deiner Augen
erwürgt ein Gehenkter den Strang.“

(P.C. Lob der Ferne)

 

Was ist Liebe? Unmögliche Möglichkeit? Mögliche Unendlichkeit?

In der Nähe konnte sie nicht leben zwischen den beiden.

„Wie wir uns aus unbekannten, dämonischen Gründen uns gegenseitig die Luft wegnehmen.“ (I.B. in einem Brief an Hans Weigel).

Aber das Leben liebt das Paradoxe. Ferne kann Nähe sein. Und Liebe wächst mit der Zeit.

 

©buhkutzli 7/1999

 

 

 

 

 

1 Celan fuhr am Tag der Reichskristallnacht, 8.11.1938, durch Berlin

 

 

2 auf diesem Pariser Platz steht ebenfalls eine Paulownie

 

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